Alleinebleiben - Drama oder Entspannt?

Veröffentlicht am 29. August 2025 um 12:49

Alleinebleiben

Es ist ein klarer Morgen in Herborn. Ich, Lenny, der 7-jährige Australian Shepherd Pudel-Mix, laufe an Rebekkas Seite zum vereinbarten Treffpunkt. Rebekka ist Hundetrainerin in der Mensch-Hund-Schule Dillkreis. Heute ist unser zweiter Termin mit Bobby, einem kleinen weiß-braunen Mischling. Ich freue mich schon, ihn kennenzulernen, denn beim ersten Hausbesuch war ich nicht dabei. Bobby hat aber fleißig geübt und ich bin gespannt, was er zu erzählen hat.

 

Als wir ankommen, sitzt Bobby entspannt zwischen seinen Menschen. Er hebt den Kopf, als er uns sieht und ich merke, dass er etwas zu berichten hat.

Neues Chaos und kleine Ruheinseln

Ich lege mich neben Bobby und er fängt sofort an zu berichten. „Also Lenny“, beginnt er, „ich bin jetzt anderthalb Jahre alt und wohne schon seit ich ein Welpe bin bei meiner Familie. Ich war nie wirklich gerne alleine. Das war immer doof. Aber so richtig geübt haben wir es auch nicht. Ich wurde einfach alleine gelassen.“

 

Er seufzt kurz und legt den Kopf schräg. „Aber diese Woche, nach Rebekkas Besuch, musste ich nicht mehr alleine bleiben. Alles ist irgendwie anders geworden. Plötzlich sind in der Wohnung Türen geschlossen. Räume sind nicht immer offen. Ich stand auf einmal vor einer verschlossenen Tür, während meine Menschen in die Küche gingen, wo ich sonst einfach mitgegangen bin.“

 

Ich nicke verständnisvoll. „Und wie hast du reagiert?“ frage ich.

Bobby schüttelt den Kopf, die Ohren aufgestellt. „Am Anfang bin ich ihnen wie gewohnt hinterhergelaufen. Völlig verwundert. Die Menschen laufen so viel hin und her, Türen gehen auf, Türen gehen zu. Am Anfang dachte ich, es sei ein Spiel. Aber es ist eine komplett neue Erfindung, dass plötzlich etwas im Weg ist, dass Durchgänge versperrt sind. Man nennt es Türen.“

 

Er räkelt sich kurz und fährt fort: „Ich habe dann einfach überlegt, mich hingesetzt und gedacht: Die Menschen wissen ja gar nicht, was sie wollen. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln.“

Bobby wedelt leicht mit der Rute. „Und dann haben die Menschen noch total den Verstand verloren. Auf einmal laufen sie mit dem Schlüssel in der Hand durch die Wohnung, schließen die Haustür ab, obwohl sie drinnen bleiben. Frauchen, die sonst immer gemeckert hat über dreckige Pfotenabdrücke, zieht plötzlich die Schuhe im Haus an und läuft damit herum. Türen gehen auf, Türen gehen zu. Jacken werden in der Wohnung an- und wieder ausgezogen. Dabei ist es noch gar nicht richtig kalt draußen, Ende Sommer, es ist noch warm.“

 

Bobby schaut mich ernst an. „Also Lenny, ich war total verwirrt. Alles, was ich kannte, war plötzlich anders. Aber dann habe ich mir gedacht: Wenn ihr alle jetzt durcheinander seid, muss ich wenigstens mal ein bisschen klare Verhältnisse schaffen. Also bleibe ich ganz einfach liegen, beobachte das Ganze und warte ab.“

 

Ich lächle innerlich. „Sehr klug, Bobby“, sage ich. „Genauso lernt man, dass Alleinebleiben keine Panik bedeutet, sondern nur, dass man die Ruhe bewahrt, egal wie die Menschen sich verhalten.“

Bobby legt den Kopf entspannt auf seine Pfoten. „Ja genau“, murmelt er. „Wenn ich ruhig bleibe, kann ich wenigstens ein bisschen Ordnung in das Chaos bringen.“

Zuhause alleine bleiben – wie wir es machen

 

Bobby schaut mich neugierig an und fragt: „Lenny, wie ist das bei dir? Zuhause musst du auch mal alleine bleiben oder kommst du immer mit?“

Ich lehne mich zurück und erzähle: „Wir leben zuhause mit vier Hunden, also Fritzi, Anka, Bueno und mir. Auch bei uns müssen wir alleine bleiben, regelmäßig sogar. Das ist für uns ganz normal geworden.“

 

Bobby runzelt die Stirn. „Aber ihr seid ja wenigstens zu viert, dann seid ihr ja nie wirklich alleine.“

Ich nicke verständnisvoll. „Stimmt schon, wir haben andere Sozialpartner um uns herum, aber trotzdem warten wir auf unseren Menschen. In dem Sinne sind wir vier Hunde alleine, auch wenn die anderen da sind. Natürlich kann man in dieser Zeit auch mal ruhen, liegen oder einfach die Umgebung beobachten. Ab und zu wird auch mal eine kleine Runde gespielt. Aber die meiste Zeit verbringen wir ruhend.“

 

Bobby legt den Kopf schräg. „Ah, also orientiert ihr euch ein bisschen an den anderen?“

„Genau“, sage ich. „Als ich zu uns nach Hause gekommen bin, war Fritzi schon da. Sie konnte toll alleine bleiben, und daran habe ich mich auch ein Stück weit orientiert. Aber ich musste es trotzdem lernen, Schritt für Schritt. Dass der Mensch sich entfernt und auch mal gar nicht da ist. Das musste ich lernen, auch wenn Fritzi dabei war.“

 

Ich schaue Bobby ernst an. „Heute kann ich sogar sagen, dass ich problemlos warten kann, auch wenn die Menschen das Haus verlassen. Aber nur, wenn wir zusammen sind. In der Wohnung ist es für mich schwieriger, ganz alleine zu bleiben. Aber das kommt auch in der Regel gar nicht vor. Im Auto zum Beispiel, kann ich dagegen ohne Probleme alleine warten, weil ich es von klein auf so gewohnt bin. Da habe ich überhaupt keinen Stress.“

 

Bobby nickt nachdenklich. „Ah, okay. Also geht es nicht nur um die Anzahl der Hunde, sondern auch darum, dass man die Situation kennt und von klein auf daran geübt hat.“

„Genau“, sage ich lächelnd. „Es geht darum, Sicherheit zu spüren und zu wissen, dass alles in Ordnung ist, auch wenn der Mensch mal nicht da ist.“

Schritt für Schritt – wie es weitergeht

Bobby schaut mich gespannt an. „Lenny, und wie geht es jetzt für mich weiter?“, fragt er.

Ich lehne mich zurück und erkläre: „Es wird weiterhin kleinschrittig aufgebaut. Auch wenn deine Menschen demnächst mal kurz das Haus verlassen, brauchst du überhaupt keine Angst zu haben. Sie kommen ja sofort wieder. Die Zeitspanne wird einfach langsam gesteigert, sodass du es fast gar nicht merkst.“

Bobby blinzelt. „Und was mache ich in der Zeit?“

„Das kann schön gestaltet werden“, sage ich. „Zum Beispiel kannst du etwas ganz Besonderes bekommen, etwas, das es nur dann gibt, wenn du alleine bist. Etwas, das du besonders gerne magst. Und jeder Hund ist da anders. Bei mir früher war es zum Beispiel ein Kong. Wenn ich alleine geblieben bin, habe ich den bekommen und konnte mich damit ein bisschen beschäftigen. Sobald der Mensch wiederkam, wurde der Kong wieder weggeräumt. Es war total cool, denn der Mensch ging und ich hatte etwas Besonderes, das nur dann da war.“

Bobby nickt langsam. „Ah, das klingt spannend.“

„Und es kann auch helfen“, fahre ich fort, „wenn zum Beispiel der Fernseher anbleibt oder Musik läuft, die man im Alltag sowieso hört. So wird die Situation normal und es bleiben vertraute Geräusche. Genau darum geht es beim kleinschrittigen Aufbau des Alleinebleibens – dass es sich immer normal anfühlt und keine Angst entsteht.“

Bobby legt den Kopf auf die Pfoten. „Okay, ich glaube, ich verstehe. Es ist also gar nicht schlimm, wenn die Menschen mal weg sind."

 

Ich erkläre abschließend: " Wir Hunde sind von Natur aus nicht für das Alleine Zuhause bleiben gemacht. Jeder Hund reagiert anders. Wichtig für die Menschen ist zu erkennen,  aus welcher Emotion raus wir nicht alleine bleiben können. Rebekka sagt, nicht immer hat jeder Hund Panik davor, alleine zu sein nur weil er laut ist. Manche Hunde pinkeln oder kacken währendessen in die Wohnung, das ist wohl nicht Protest, weil der Hund nicht mit darf. Weil der Hund Minutenlang den Besitzer anspringt, in die Wohnung drängt und leicht zwickt heißt es wohl nicht immer, dass der Hund völlig hilflos war in der Zeit. Wie bei so vielen Dingen, ist eine richtige Beobachtung vom Verhalten wichtig.."

 

"Ja, Rebekka meinte letzte Woche, ich könnte das Alleinebleiben gut lernen, bräuchte nur etwas Zeit und solange sollten meine Menschen mich nicht "Einfach" Alleinelassen. Ich glaube ihr habt Recht, wenn ich merke, dass nichts passiert und meine Menschen wiederkommen, kann ich es lernen."