Der Einstieg ins Hundetraining

Veröffentlicht am 4. September 2026 um 15:54

Der Einstieg ins Hundetraining: Von Struppel, Neuzugängen und der Illusion, dass es für alles zu spät ist

„Einen wunderschönen guten Tag“, sage ich, schüttle meine schwarzen Locken und lasse mich mit einem vernehmbaren Seufzer auf unseren Teppich fallen. Arbeitstage in unserer Mensch-Hund-Schule Dillkreis hier in Dillenburg sind spannend, aber manchmal fragt man sich schon, was in den Köpfen der Zweibeiner so vorgeht.

Anka, die gerade entspannt neben dem Sofa liegt, blinzelt mich aus ihren ruhigen Augen an. „Und? Wieder ein Fall von ‚Mein Hund hört nur, wenn ich ein Stück Wurst in der Hand habe‘?“, will sie wissen.

„Besser“, grinse ich. „Es geht um den Klassiker schlechthin: Den Einstieg ins Hundetraining. Oder besser gesagt: Um die Frage, wann man damit anfangen sollte und ob es jemals zu spät ist.“

Bui, unser kleiner Appenzeller-Wirbelwind, schießt sofort um die Ecke. „Zu spät? Niemals! Man kann immer Radau machen! Was war denn los?“

„Setz dich hin, Bui, ich erzähle es euch von vorn“, sage ich und rücke mich zurecht. „Es geht um eine Familie aus Haiger und ihren Hund Struppel.“

Fritzi, unsere mittlerweile zwölfeinhalbjährige Pinscher-Mix-Seniorin, hebt den Kopf und schnauft verächtlich. „Struppel klingt nach einem, der den ganzen Tag den Postboten anpöbelt und meint, ihm gehört die Straße.“

„Gar nicht so weit weg, Fritzi“, antworte ich. „Struppel ist ein kastrierter, brauner Mischlingsrüde, kniehoch, stolze sieben Jahre alt und lebt seit drei Jahren in der Familie. Kein dramatischer Problemfall, aber einer, der im Alltag ganz schön nervige Macken hat. Er lebt in seiner eigenen Welt, kläfft hier mal einen Menschen an, findet andere Hunde mäßig witzig und steigert sich in manches rein.“

Anka schüttelt den Kopf. „Und die Besitzer? Haben die einfach zugeschaut?“

„Na ja, am Anfang waren sie zwei- oder dreimal in einer klassischen Hundeschule“, erkläre ich. „Aber da machte das für die Leute einfach keinen Sinn, da Struppel dort nicht mit den fremden Hunden spielen wollte und auch die angebotenen Leckerlis nicht wirklich verlockend fand. Da dachten sie sich: ‚Gut, bei unserem Hund bringt das eh alles nichts‘, brachen ab und ließen ihn fortan einfach so mitlaufen.“

Fritzi schnaubt zustimmend. „Schade, dass man das so oft annimmt. Nur weil ein Hund nicht mit fremden Hunden spielen will, heißt das doch noch lange nicht, dass eine Hundeschule keinen Sinn macht. Spielen ist eben nicht alles. Typisch: Weil der Hund nicht nach Schema F funktioniert, wird das Handtuch geworfen. Dabei wissen wir doch alle: Jeder Hund lernt anders.“

„Eben“, nicke ich. „Und genau hier wird es spannend. Denn die Familie hat beschlossen, sich noch einen zweiten Hund aus dem Auslandstierschutz dazuzuholen. Bei Struppels Vorgeschichte ist das gar nicht mal so einfach.“

Bui legt den Kopf schief. „Hä? Wäre es da nicht schlauer gewesen, sich einen Hund anzuschauen, der schon hier in Deutschland lebt, um zu gucken, ob das mit Struppel überhaupt passt?“

„Haben sie sich natürlich auch überlegt, Bui“, antworte ich. „Aber der Kontakt zu der Pflegestelle im Ausland war so eng, herzlich und transparent, dass das Vertrauen einfach da war. Außerdem ist das ja auch eine Frage der Rahmenbedingungen.“

Fritzi nickt wissend. „Klar. Wenn man hier einen Welpen holt, kann der je nach Entwicklung ab der achten Lebenswoche nach dem Tierschutzgesetz in die Familie einziehen und sich direkt an das hiesige Umfeld gewöhnen.“

„Richtig“, stimme ich zu. „Aber bei Hunden aus dem europäischen Ausland gelten ganz andere gesetzliche Regeln. Eine Tollwutimpfung darf dort erst ab der zwölften Lebenswoche verabreicht werden. Danach muss eine gesetzliche Wartezeit von 21 Tagen eingehalten werden, bevor der Hund überhaupt einreisen darf. Wenn man das alles zusammenrechnet und schaut, wie die Tierschutz-Transporter fahren, ist ein Welpe wie Winnie eben schon rund 16 Wochen alt, wenn er hier ankommt.“

Anka überlegt kurz. „Und was ist mit dem klassischen Shelter? Da wird doch oft gesagt, das sei reiner Stress.“

„Muss gar nicht pauschal so sein“, greife ich den Gedanken auf. „Aber es prägt natürlich massiv, was ein Hund von klein auf als normal ansieht und was er gewohnt ist. Die Familie hat sich die Entscheidung auch nicht leicht gemacht und stand vor der Wahl: Retten wir einen Welpen aus dem Shelter oder nehmen wir den von der Pflegestelle? Weil Struppel aber ohnehin schon seine eigenen Themen im Gepäck hat, musste die Situation realistisch betrachtet werden.“

„Deshalb die Beratung bei Rebekka vorab?“, fragt Bui nach.

„Genau das“, nicke ich. „Vor rund zehn Tagen standen die Besitzer bei Rebekka in der Beratung. Keine Panikmache, sondern ein klarer, ehrlicher Blick auf das, was auf sie zukommt. Die Entscheidung fiel dann ganz bewusst auf Winnie, die auf einer Pflegestelle aufgewachsen ist.“

„Winnie zieht also ein“, fasst Fritzi zusammen. „Und wie machen die das jetzt richtig?“

„Indem sie aus den Fehlern von damals lernen“, erkläre ich lächelnd. „Wenn Winnie an einem Donnerstag ankommt, wird kein Action-Programm gestartet. Die erste Woche heißt erst mal: Ankommen lassen. Schauen: Kann der Zwerg überhaupt Autofahren? Lässt er sich anfassen? Ist er total überfordert? Wenn nötig, wird zu Hause erst mal mit klarem Management und kleinen Schritten gearbeitet.“

Anka nickt anerkennend. „Sehr vernünftig. Dieses sofortige ‚Wir müssen jetzt sofort auf den Hundeplatz und erziehen‘ überfordert die Zwerge doch total.“

„Eben. Deshalb geht es für Winnie auch nicht direkt am ersten Wochenende in die Welpengruppe, sondern erst mit etwas Puffer, wenn sie sich eingelebt hat – das wäre dann so um die 17. Lebenswoche. Dann geht sie ein paar Mal in die Welpengruppe. Struppel wird nicht mehr einfach nur nebenher laufen gelassen. Der bekommt jetzt gezielt Einzeltraining für seine Baustellen. Und wenn Winnie einzieht ist Rebekka auch da"

Lenny streckt sich.

"Der Plan sieht vor, dass später sowohl Struppel als auch Winnie gemeinsam in die Basisgruppe unserer mobilen Hundeschule hier in Dillenburg wechseln. Beide lernen dort zusammen, während die Menschen lernen, wie ein harmonisches Miteinander mit mehreren Hunden im Alltag reibungslos funktioniert – ohne Chaos und ohne Rätselraten.